Israels Kinder

www.new-symbols.com
New Symbols for Freedom
Neue Wege - Neue Symbole

Anmerkung zu Strophe 7 des Neuen Deutschlandliedes

"Israels Kinder" - wer ist das - speziell im Kontext dieses Liedes?

Die "Israeliten" waren die "Kinder Israels" - so genannt in der Hebräischen Bibel (dem "Alten Testament"). Im dichterischen Sinn könnte man die Bürger Israels als "Kinder Israels" bezeichnen, auch wenn sie sich tatsächlich "Israelis" nennen.

Die Anführungsstriche weisen darauf hin, dass es neben der konkreten Bedeutung auch einen übertragenen Sinn geben kann.

Die konkrete Bedeutung - (im Kontext des Liedes) meint die Angehörigen des jüdischen Volkes, die Überlebenden und Nachfahren der Opfer des Holocaust (bei dem 6 Millionen Juden umgebracht wurden). "Holocaust" ist ein Spezialbegriff, der die gezielte Vernichtung des jüdischen Volkes meint. (Holocaust bedeutet eigentlich "Brandopfer" und ist daher ziemlich problematisch....Man könnte denken, da seien Menschen zum Opfer gebracht worden auf dem "Altar" einer teuflischen Ideologie. Dann wäre die Verwendung des Begriffes "Holocaust" das ungewollte "Glaubensbekenntnis" an das Böse, das mächtiger erschien als das Gute. - Besser ist ganz sicher die hebräische Bezeichnung "Shoah".

Der Begriff "Holocaust" ist nicht anwendbar auf die anderen Opfer der Konzentrationslager: Roma und Sinti ("Zigeuner"), politische Gegner (Sozialdemokraten, Kommunisten), Regimegegner aus religiösen Gründen (z.B. der protestantische Theologe Dietrich Bonnhoeffer, die Gruppierung der Zeugen Jehovas), Gruppen von Menschen, die kriminalisiert wurden: Homosexuelle.

Häufig vergessen wird in diesem Zusammenhang die Euthanasie an den Behinderten und "Geisteskranken", für die eine eigene Vernichtungsindustrie zuständig war mit eigenen Transportwegen und "Zwischenlagern", damit das Endziel der Transporte verborgen bleiben sollte. An diese Menschen zu erinnern, wagt man bis heute nicht, besonders die betroffenen Familien wagten es nicht, war es doch ein Stigma, "so jemanden" überhaupt in seiner Verwandtschaft gehabt zu haben. Die Erinnerung an diese Ermordeten durfte schon aus Gründen des Selbsterhalts nicht weitergegeben werden: handelt es sich doch um Krankheiten und Defizite, die bis heute von keinem Mediziner weder erklärt noch therapiert werden können (wenn ein Arzt ehrlich genug ist, das zuzugeben).

Im Kontext dieses Liedes gibt es auch einen übertragenen Sinn: Denn wollte man in einem einzigen Lied alle Opfer der Nazis aufzählen, würde sich automatisch die Frage stellen nach der Reihenfolge. Man käme zwangsläufig dahin, Menschenleben gegen Menschenleben zu stellen, zu bewerten und zu vergleichen... Die Anführungsstriche erlauben eine neue Perspektive, die alle Opfer einschließt: "Kinder Israels" sind alle diejenigen Menschen, die in ihrem eigenen Leben, ihrer Familiengeschichte oder in der Geschichte ihres Volkes ähnliche Erfahrungen aufweisen wie das in Babylon gefangene Volk der Israeliten, von dem die Hebräische Bibel erzählt. Da die biblischen Geschichten allesamt Identifikationsgeschichten sind, kann sich jeder in ihnen wieder finden. So gesehen, wären "Kinder Israels" auch alle diejenigen, die sich durch die Erfahrung von Unterdrückung, Krieg und Vertreibung nicht die Hoffnung nehmen ließen auf ein Leben in Freiheit: sie alle zusammengenommen - - zusammen mit den wirklichen "Kindern Israels" - wären dann diejenigen, die profitieren von dem Geist der Freiheit, der sich ausdrückt in den Erzählungen der Israeliten: Knechtschaft in Ägypten und Auszug des unterdrückten Volkes.

Mit der Bezeichnung "Kinder Israels" darf man sich identifizieren, auch wenn man kein Jude ist, weil die Erzählungen der Hebräischen Bibel mittlerweile verbreitet sind auf der ganzen Welt und die Grundlage bilden der heiligen Schriften von Christen und Moslems. Die Erfahrungen des Exils, die exemplarisch dargestellt werden anhand der "Kinder Israels", erlauben es, Schmerz über Ungerechtigkeit und Verlust auszudrücken, ohne in einseitige politische Anklage zu verfallen, falls es sich um Konfliktverhältnisse handeln sollte, die so kompliziert sind, dass erst die Historie eine Beurteilung wird leisten können - mit dem notwendigen zeitlichen Abstand; - siehe etwa das Schicksal der Vertriebenen oder die schier unlösbare Situation der Palästinenser - (immer unter der Einschränkung: sofern es sich um Unschuldige handelt(e), die keinen Anteil an den Untaten der Nazis hatten bzw. die keinen Anteil am palästinensischen Terror haben gegen Israel).

Die mögliche Alternative an der Stelle "Ihren Kindern wünschet Glück!" hat zwar die Opfer in ihrer Gesamtheit im Blick, blendet aber die Anspielung auf Exil, Zwangsarbeit und Hoffnung auf Befreiung aus. Zu jeder Hoffnung gehört ein Glaube, der nicht konfessionell-religiös oder dogmatisch begründet sein muss. Auch die Französische Revolution wäre nicht denkbar gewesen ohne Hoffen und Glauben.

Copyright VG Wort 2015 - Benjamin Zauberspiegel

Beam Machine